Insight Sessions mit dem Vertrieb: Wie wir Käuferfragen einsammeln

Wie wir bei Reazon Käuferfragen systematisch aus dem Vertrieb herausholen. Das Format der Insight Sessions, der Ablauf, häufige Stolpersteine, und was am Ende im Themen-Backlog landet. Aus laufenden Mandaten, nicht aus dem Lehrbuch.

Jan-Hendrik Heuing

Die wichtigste Stunde im Programm

Die wichtigste Stunde in einem TAYA-Programm ist die, in der wir das erste Mal mit dem Vertrieb zusammensitzen. Nicht mit der Marketingleitung. Mit den Leuten, die Termine machen, Demos halten, Angebote schreiben.

Diese Sitzung nennen wir Insight Session. Erfunden haben wir sie nicht. Andere Häuser nennen sie Voice-of-Customer-Workshop oder Sales-Intake. Der Name ist egal. Es zählen das Format und die Disziplin in der Auswertung.

Dieser Beitrag beschreibt, wie wir das in der Praxis machen, was dabei regelmässig schiefgeht und wie aus zwei Stunden im Konferenzraum ein Themen-Backlog für sechs Monate wird.

Warum überhaupt eine Session

Wer eine Suchmaschine fragt, was Käufer wissen wollen, bekommt Volumen. Wer den Vertrieb fragt, bekommt Nuancen. Beides hat seinen Platz. Aber im B2B ist die Frage, die als Suchanfrage getippt wird, oft schon der dritte Schritt einer Recherche. Die ersten beiden Schritte, die echten Zweifel und Vorbehalte, hört nur der Vertrieb. Und nur dort, wo Käufer offen sind, also im Gespräch.

Überspringen wir die Vertriebsperspektive und verlassen uns auf Keyword-Tools, schreiben wir Inhalte, die technisch korrekt sind und im Käuferprozess trotzdem zu spät kommen. Genau daran entfalten so viele B2B-Content-Programme keine Pipeline-Wirkung. Die Themen sind die falschen, weil sie aus der falschen Quelle stammen.

Wer sitzt am Tisch

Wir nehmen drei bis fünf Personen aus dem Vertrieb, idealerweise mit unterschiedlichen Rollen: Account Executives, Pre-Sales, Innendienst. Wer mit Kunden spricht, ist eingeladen. Wer nur Berichte konsumiert, nicht.

Die Marketingleitung sitzt mit am Tisch, moderiert aber nicht. Führt Marketing die Session, antworten Vertriebsmitarbeiter höflich. Führt ein Externer, antworten sie offen. Das ist nach Dutzenden dieser Sessions der einzige Hebel für Datenqualität, der in unserer Erfahrung wirklich zählt.

Die Geschäftsführung darf zuhören, aber nicht eingreifen. In zwei Mandaten hat ein zu aktiver Geschäftsführer eine ganze Session unbrauchbar gemacht, weil der Vertrieb nicht über reale Einwände sprach, sondern über die, von denen die Geschäftsführung gern hört, dass es sie gibt.

Das Format

Wir reservieren zwei Stunden, mit einer kurzen Pause. Länger funktioniert nicht, die Energie reicht nicht. Kürzer ergibt zu wenig Material.

Die Session läuft in vier Blöcken:

Block 1: Letzte fünf Gespräche. Jeder Vertriebsmitarbeiter erzählt ungeschönt von den letzten fünf Käufergesprächen. Was wurde gefragt, was war der hartnäckigste Einwand, an welcher Stelle wurde es schwierig. Wir hören zu und transkribieren, ohne Bewertung. Etwa 40 Minuten.

Block 2: Verlorene Deals. Wir bitten um drei bis fünf konkrete, verlorene Deals der letzten zwölf Monate. Was war der genannte Grund. Was war der echte Grund. Wo hatten wir keine Antwort. Dieser Block ist die wertvollste halbe Stunde der Session, und die unangenehmste. Etwa 30 Minuten.

Block 3: Die heiklen Fragen. Wir fragen explizit nach den Fragen, die Mitarbeiter im Gespräch ungern hören, weil die Antwort schwach oder nicht vorbereitet ist. Hier kommen die Big-5-Themen heraus. Wer fragt nach Preisen. Wer vergleicht mit welchem Wettbewerber. Wo schwelen Reputationsthemen unter der Oberfläche. Etwa 30 Minuten.

Block 4: Vorhandenes Material. Welche Inhalte setzt der Vertrieb heute schon ein. Was funktioniert. Was wird verschickt, weil es vorhanden ist, obwohl niemand daran glaubt. Diese letzte Viertelstunde verhindert, dass wir Material produzieren, das längst in einer Schublade liegt.

Wir nehmen die Session immer auf, mit Einverständnis. Notizen reichen nicht. Die genaue Wortwahl der Verkäufer ist häufig die Wortwahl, die später in den Artikeln landet.

Was regelmässig schiefgeht

Drei Muster, die wir immer wieder sehen.

Selbstzensur. Im ersten halben Block antworten Vertriebsmitarbeiter meistens marketingfreundlich: Sie nennen Einwände, die sich gut anhören, weil sie ohnehin schon im Pitch-Deck stehen. Erst nach 30 bis 40 Minuten, wenn klar ist, dass die Session vertraulich bleibt und keine Bewertung folgt, kommen die echten Themen. Deshalb braucht es zwei Stunden. Die ersten 40 Minuten sind Aufwärmung.

Pauschalisierungen. Kunden fragen immer nach dem Preis ist unbrauchbar. Ein technischer Einkäufer einer SMB-Industriefirma fragte letzte Woche, ob unsere Lösung auch für Anlagen unter zehn Mitarbeitern funktioniert, weil ihm das Projektrisiko zu hoch erschien ist Gold. Wir bohren so lange in die Konkretheit, bis aus Phrasen Szenen werden.

Der Wunsch nach neuen Themen. Manche Vertriebsleute glauben, sie sollen uns innovative Inhaltsideen liefern. Sollen sie nicht. Sie sollen erzählen, was tatsächlich passiert. Wir nennen das den Erwartungs-Reset und sagen es am Anfang der Session ausdrücklich: Die wertvollsten Themen sind meistens die langweiligsten. Die immer wiederkehrenden Fragen, die Standardeinwände, die scheinbar trivialen Bedenken.

Was aus der Session wird

Innerhalb von 48 Stunden destillieren wir das Material in drei Artefakte.

Eine Roh-Fragenliste mit allem, was im Gespräch gefallen ist. Typisch sind 60 bis 120 Fragen aus einer einzigen Session.

Eine gewichtete Backlog-Liste mit etwa 30 bis 50 Themenideen, sortiert nach drei Kriterien. Wie häufig kommt die Frage im Vertrieb vor. Wie hoch ist das geschätzte Suchvolumen, soweit verfügbar. Wie schwer ist die Antwort, also wie viel Material braucht ihre Erstellung.

Eine Top-12-Sequenz für die ersten sechs Monate. Diese Sequenz verabschieden Marketing und Vertrieb gemeinsam. Sie ist nicht in Stein gemeisselt, aber sie ist die Grundlage für die operative Planung.

Welche fünf Themenkategorien dabei systematisch auftauchen, beschreibt der Beitrag zu den TAYA Big 5. Im Schnitt fallen etwa 60 Prozent der priorisierten Themen in eine der Big-5-Kategorien.

Wie oft wir die Session wiederholen

Eine Insight Session am Anfang ist Pflicht. Die Kür ist die Wiederholung, alle vier bis sechs Monate, kompakter, vielleicht 60 Minuten.

Wir machen das, weil sich der Käuferdiskurs verschiebt. Neue Wettbewerber tauchen auf. Regulatorische Anforderungen verändern die Fragen. Eine neue Produktversion öffnet Themen und schliesst andere. Wer einmalig 60 Themen erhebt und dann zwei Jahre daraus produziert, landet irgendwann in der Irrelevanz.

In gut laufenden Mandaten wird die Insight Session nach dem dritten Mal zur Routine. Manchmal schlägt der Vertrieb von selbst neue Themen vor, ohne dass wir fragen müssen. Das ist der Punkt, an dem das Programm nicht mehr an einzelnen Personen hängt, sondern als Prozess läuft.

Die häufigste Frage, die wir bekommen

Können wir die Session auch ohne externe Moderation machen?

Können, ja. Sollten, oft nicht. Nicht, weil interne Moderatoren weniger kompetent wären. Sondern weil eine interne Person Teil der Politik des Unternehmens ist. Vertriebsmitarbeiter wägen ab, was sie vor ihrer Marketingleitung sagen können. Vor einem Externen, der nach der Session wieder geht und kein Interesse an internen Hierarchien hat, sagen sie mehr.

Das ist keine Verkaufsmasche, sondern die klarste Beobachtung aus drei Jahren Praxis. Wer die Session intern führen will, sollte wenigstens jemanden einsetzen, der keine direkte Berichtslinie zu den Teilnehmern hat. Das funktioniert manchmal. Externe Moderation funktioniert verlässlicher.

Was du jetzt tun kannst

Wenn du das Format selbst ausprobieren willst: Blockiere zwei Stunden, lade drei Vertriebsleute ein, frag nach den letzten fünf Gesprächen und den letzten fünf verlorenen Deals. Lass dich überraschen, wie viel Material in 120 Minuten entsteht.

Mehr zum Rahmen, in dem Insight Sessions stehen, im Beitrag zur TAYA-Methode. Wenn du wissen willst, ob ein TAYA-Programm bei dir die richtige Ausgangslage hat, ist eine Standortbestimmung der konkrete erste Schritt. Sie schliesst eine Insight Session ein, ohne dass du dich zu einem grösseren Programm verpflichtest. Mehr zu den konkreten Pipeline-Effekten auf der Seite Mehr qualifizierte Leads.